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Die Ibanez Musician-Serie

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  Musicians World 02.03.2007
  Guitarworld.de 02.03.2007


Vorwort

Wenn man heute einen jungen Gitarristen nach Herstellern von Elektrogitarren fragt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit an dritter oder vierter Stelle der Name Ibanez fallen. Unter diesem Namen werden seit den 70er Jahren bis heute Instrumente mit einem immer weiter steigenden Preisleistungsverhältnis produziert. Was jedoch die wenigsten wissen ist die Tatsache, daß Ibanez nur ein Handelsname der "Hoshino Co." aus Japan ist. Hoshino hat nie selber Gitarren produziert, sondern sie immer von Subunternehmern bauen lassen. Die Instrumente aus japanischer Produktion werden nach wie vor in der Fabrik von "Fuji Gen Gakki" produziert.

Nachdem ich schon vor einiger Zeit einen Beitrag über die Ibanez Concert-Serie verfaßt habe, möchte ich mich heute mit der Musician auseinandersetzen.

Wie bei viele anderen japanischen Marken konnte man in der Anfangszeit von Ibanez hauptsächlich Kopien der amerikanischen Instrumente kaufen. Seit dem Frühjahr 1977 machte man jedoch einen radikalen Schnitt und bot nur noch eigene Entwicklungen an, die zwar häufig auf den Vorbildern beruhten, jedoch immer mit Verbesserungen aufwarteten. Darüber hinaus hatte man die Produktpalette stark gestrafft. Den Schwerpunkt des Angebotes bildete die neuen Modelle der Artist- und Musician-Serie.


1. Von der Paula zum Artisten

Wenn man sich die Entwicklung der einzelnen Modelle bei Ibanez ansieht, so muß man zu dem erstaunlichen Schluß kommen, daß die Musician ein "Kind" der Artist-Serie ist. Die Metamorphose vom Modell 2700 aus dem Jahre 1977 zur MC-400 ist da sehr deutlich.

Die Artist selber tauchte 1975 erstmalig als eigenständiger Ansatz in Form der Modelle 2612, 2613, 2614 und 2617 auf. Sie stellt den Versuch dar, eine Paula zu bauen und etwas zu verbessern ohne wirklich eine Paula zu bauen. Ein augenscheinlicher Unterschied ergab sich durch den symmetrischen Double-Cut, der die Bespielbarkeit in den hohen Lagen gegenüber dem Vorbild deutlich verbesserte.

Von der Konstruktion des Korpus her hatten die ersten Artisten ein Mahagoni-Back mit Birkendecke. Später wurde hier auch Ahorn verwendet.

Eine bemerkenswerte Version stellte das Modell 2617 dar. Hier wurde ein Korpus aus Esche verwendet und das Instrument erhielt eine reines Natur-Finish. Diese Art Finish wurde Ende der 70er Jahre hauptsächlich von Alembic eingeführt und andere Hersteller begannen nun damit, ebenfalls solche Instrumente anzubieten.


2. Vom Artisten zum Musiker

Die Artist 2710 und 2700 stellen einen weiteren Entwicklungschritt zur Musician dar. Die Instrumente hatten jetzt 24 Bünde und einen aufwendig konstruierten Korpus: Grundlage bildete ein aus mehreren Streifen Ahorn und Walnuß verleimter durchgehender Hals, an den zwei Korpusteile angeleimt wurden. Diese bestanden aus einem Sandwich aus Zebra und Esche.

Als Tonabnehmer kamen die auf den "Super 80" basierenden "Super 88 Humbucker" zum Einsatz. Sie waren vollständig vergossen und ermöglichten durch ihren Vieraderanschluß den Reihen- Parallel- und Single-Coil-Betrieb. In ihrem ganzen Erscheinungsbild war diese Artist stark an das Finish der Alembic-Instrumente angelehnt.

Vermutlich stellte man dann fest, daß man mit dieser Artist Custom eigentlich ein neues Instrument geschaffen hatte. Da ein direkter Vergleich mit der "Les Paul" aufgrund der 24 Bünde nicht mehr so recht möglich war, ging man noch einen Schritt weiter und modifizierte den Korpus der 27XX in Richtung Stratocaster. Es wurden zwei unsymmetrische Cuts eingeführt sowie eine Aussparung an der Korpusrückseite. Diese Instrumente wurde dann seit 1977 unter der Bezeichnung "Musician" produziert.

Wie die Entwicklung von der ersten Artist zur Musician verlief, kann man am folgenden Bild gut erkennen. Ein Klick auf das Bild öffnet eine Animation, die aber mit 1,5MB gegebenenfalls etwas Ladezeit erfordert.

Animation öffnen

Bild 1: Von der Artist zur Musician


3. Die Musician im Laufe der Zeit

Die verschiedenen Instrumente der Musician-Serie wurden insgesamt von 1977 bis 1982 gebaut. Dieser Zeitraum läßt sich in vier Phasen unterteilen.

Epoche 1: 1977-1978

1977 wurde die Musician-Serie erstmalig in einem Katalog erwähnt. Sie bestand zunächst aus den drei Modellen MC-100, MC-200 und MC-300.

Den Beginn machte die MC-100, die als einziges Mitglied der Familie in der klassischen Weise über einen geschraubten dreiteiligen Hals aus Bergahorn mit Palisandergriffbrett verfügte. Die Verlängerung des Halses im Korpus bestand aus Esche an die zwei Flügel aus Mahagoni geleimt wurden. Zwei Super 77 Humbucker, die auf den Super 70 Humbuckern basierten, waren in der klassischen Paula-Schaltung vereint.

So richtig los ging es eigentlich erst mit der MC-200. Hier gab es erstmals einen durchgehenden Hals, der aus drei Teilen Berghahorn und 2 Teilen Walnuß bestand. Die beiden Korpusflügel waren entweder aus purem Mahagoni (DS) oder hatten noch zusätzlich ein Top und Bottom aus Esche (NT). In diesem Fall bestand ein Flügel also sogar aus drei Teilen. Ungewöhnlich war ebenfalls der Sattel. Er bestand zur Hälfte aus Knochen und Messing, um die klanglichen Vorteil beider Materialien zu nutzen. Unter der Brücke war ein sogenannter Sustainblock aus Messing in den Korpus eingelassen. Zwei Super 88 Humbucker in der Paula-Schaltung rundeten das Instrument ab.

Die MC-300 war das Spitzenmodell und avancierte schnell zum "Arbeitspferd" der Serie. Im Grunde genommen handelte es sich dabei um eine MC-200 mit erweiterter Elektronik. Hier wurden die klanglichen Fähigkeiten der Super 88 erstmalig durch zwei Tri-Sound-Switches vollständig ausgenutzt. Durch ihre Elektronik war die MC-300 aus klanglicher Sicht sehr flexibel. Von "Paula" bis "Strat" war im Grunde genommen alles möglich und das auch noch mit einem fast unendlichen Sustain. Der durchgehende und mehrteilige Hals machte es möglich.

Wer den Katalog aus dem Jahre 1977 aufmerksam betrachtet, wird feststellen, daß die abgebildeten Instrumente nicht so recht zu der Spezifikation der MC-300 passen wollen. Es fehlen die beiden Tri-Sound-Switches! Es sieht fast so aus, als ob man hier aus Versehen ebenfalls das Foto der MC-200 verwendet hat. Hier das entsprechende Bild:

Bild 2: Ob das wirklich eine MC-300 ist?

Im Humbucker-Mode klang die MC-200 und MC-300 sehr erdig nach einem bekannten Konkurenzprodukt aus den USA, was den Musicians auch den Spitznamen "Les Paul Killer" einbrachte.

1978 nahm die Musician-Modelle, genau wie die Artist- und die Concert-Serie, rund 11% aller Seiten im Katalog ein. Insgesamt waren jetzt 5 Instrumente in verschiedenen Holzvariationen verzeichnet. Das bisherige Spitzenmodell, die MC-300, wurde nun von zwei neuen Modellen mit aktiver Elektronik in das Mittelfeld verdrängt.

Bild 3: MC-500 und MC-400, MC-300, MC-200 und MC-100 aus dem Jahre 1978 (von Links nach Rechts)

Im Vergleich zum Vorjahr wurde an der MC-200 und der MC-300 eine leichte Veränderung durchgeführt: Der Toggle-Switch wanderte von seiner Position in der Nähe der Buchse hoch in das obere Horn. Die klassische Position des Schalters in der "Les Paul". Damit war der Schalter jetzt wesentlich bequemer zu erreichen. Warum man diese Änderung nicht auch bei der MC-100 durchführte bleibt offen.

Mit der MC-400 begann der Bereich der aktiven Gitarren. Jetzt bestand der Hals sogar aus insgesamt 7 Teilen. In der Mitte befand sich ein breiter Streifen dunkles Walnuß-Holz. Als Korpus kamen hier wieder Laminate aus Esche/Ahorn oder Esche-Mahagoni zum Einsatz.

Besonders bemerkenswert war die Elektronik der MC-400. Neben den zwei Tri-Sound-Switches existierte eine aktive Schaltung mit 3-Band-Equalizer (Treble, Middle, Bass), die grundsätzlich aktiviert war. Über eine Schalter konnte zusätzlich ein einstellbarer Boost eingeschaltet werden. Durch diese aktive Schaltung besaß die MC-400 eine unfaßbare klangliche Vielfalt, die besonders gerne im Studio eingesetzt wurde.

Das absolute Spitzenmodell der Serie war die MC-500, eine MC-400 mit gewölbtem Korpus. Von diesem Modell wurden bis Ende 1980 insgesamt 1180 Exemplare produziert. Es gab ein paar besonders schöne Instrumente, die mit dem sogenannten "Tree-Of-Life Inlay" ausgestattet waren. Von dieser Version der MC-500 wurden 1978 nur 164 Gitarren auf Kundenwunsch produziert.

MC-500DS

Bild 4: Eine MC-500DS mit "Tree-Of-Life Inlay" aus dem Jahre 1978.

Gut erhaltene Exemplare dieser Musician erzielen heute ohne weiteres einen Preis von 1000 Euro! Leider ist das entsprechende Angebot auf dem Markt faktisch nicht vorhanden, denn diese Instrumente dürften sich jetzt mehrheitlich in der Hand von Sammlern befinden.

Preislich waren die Musicians im Vergleich zu amerikanischen Instrumenten relativ günstig, wie die folgende Tabelle zeigt:

Modell/Finish DS NT
MC-100 895 DM -
MC-200 995 DM 995 DM
MC-300 1095 DM 1095 DM
MC-400 1495 DM 1495 DM
MC-500 1590 DM 1590 DM

Tabelle 1: Die Preise der Musician-Serie gemäß deutscher Preisliste von 1978

Diese Daten stammen aus der Preisliste der Firma Meinl. Wirft man einen Blick in die Meinl-Liste vom Oktober 1977, so ist noch keine Musician enthalten. Es ist also vorstellbar, daß die Musicians erst 1978 in Deutschland angeboten wurden.

Epoche 2: 1979-1980

1979 fand erstmals eine Modellbereinigung statt. Ihr fiel die MC-100 zum Opfer, die aufgrund ihrer Konstruktion nie so recht zur Serie passen wollte. Die verbleibenden Modelle erhielten ein paar Verbesserungen.

MC-200: Tri-Sound für das Neck-PU

MC-300: 6-fach Vari-Tone, die zwei Tone-Potis der Paula-Schaltung wurden durch einen Master-Tone ersetzt.

MC-500: LED zur Status- und Batterianzeige, zusätzlicher Master-Tone (damit war die MC-500 auch wieder passiv spielbar)

Bild 5: Die Musicians der "Second Edition"

Zur Unterscheidung der beiden Epochen werden die Musicians aus dieser Zeit von Sammlern auch als "Second Edition" bezeichnet.

Epoche 3: 1981

Die dritte Epoche der Musician begann mit eine starken Änderung der Modellnamen:

  1. Die MC-200 wurde nicht mehr hergestellt. Statt dessen gab es nun eine MC-150 mit reinem Mahagoni-Korpus. Sie entsprach damit der MC-200 aus der ersten Epoche.
     
  2. Die MC-300 wurde durch die MC-350 ersetzt. Auch hier wurde die Funktionalität eingeschränkt: Es gab nur noch einen Tri-Sound-Switch und der Vari-Tone war auch verschwunden. Statt dessen gab es wieder die bekannte Paula-Schaltung. Damit entsprach die MC-350 einer MC-200 aus der zweiten Epoche.
     
  3. Die MC-400 wurde nicht mehr hergestellt.
     
  4. Die neue MC-550 war im Grunde genommen eine MC-500.

Die Instrumente waren jetzt jedoch nur noch in jeweils einer Materialkombination erhältlich:

MC-150: Body: Mahagoni, Neck: Ahorn/Walnuß

MC-350: Body: Esche/Mahagoni, Neck: Ahorn/Walnuß

MC-550: Body: Core?/Esche, Neck: Ahorn/Walnuß

Bild 6: Die Musicians der Epoche 3

In der dritten Epoche tauchen, neben dem Natur-Finish, auch erstmalig farbig lackierte Modelle der MC-150 und der MC-350 auf. So gab es eine MC-150BK und eine MC-350FR.

Epoche 4: 1982

Das Jahr 1982 brachte dann wieder eine funktionale Aufwertung:

MC-150: 2 Duo-Sound Tone-Potis. Damit konnten die Tonabnehmer von Humbucker auf Single-Coil umgeschaltet werden. Das war zwar kein vollständiger Ersatz für einen Tri-Sound-Switch, schob die neue MC-150 aber irgendwie zwischen die MC-200 aus der zweiten Epoche und die MC-300 aus der ersten Epoche.

MC-350: 2 Tri-Sound-Switches. Damit entsprach die neue MC-350 einer MC-300 der ersten Epoche.

Bild 7: Die neu Form der Musicians ab 1982. Links die MC-150 in unterschiedlichem Finish, rechts die MC-550 und die MC-350

Alle drei Modelle hatten jetzt statt der Super 88 Humbucker Super 58 montiert, die in ihren Abmessungen dem Standard entsprachen.

Wer die Bilder aufmerksam betrachtet hat, dem ist sicherlich aufgefallen, daß die Modelle der vierten Epoche auch eine leicht geänderte Korpusform hatten. Das obere Cutaway war längst nicht mehr so weit eingezogen, wie bisher. Der Übergang zum Korpus erfolgte nun bereits am 19. Bund statt, wie bisher beim 20. Bund.


4. Limited Edition

Von der MC-300 aus der zweiten Epoche gab es 1979 eine limitierted Auflage von weltweit 150 Exemplaren.

MC-300DS Limited Edition

Bild 8: MC-300DS Limited Edition, Ser. J796107

Die Korpusflügel dieses Sondermodells bestanden aus einem dreiteiligen Laminat aus Mahagoni und Esche. Der Hals bestand, wie gewohnt aus drei Teilen Ahorn und zwei schmalen Streifen Walnuß, auf den ein Griffbrett aus Palisander aufgesetzt war.

Im Gegensatz zum Standardmodell wurde die Elektronik durch einen Vorverstärker ergänzt, der durch einen zusätzlichen Minischalter aktiviert werden konnte. Einer der beiden passiven Lautstärkeeinsteller wurde zum Boost-Volume umfunktioniert. Auf diese Weise konnte man den Preamp als Booster für Solos einsetzen. Eine kleine Leuchtdiode gab Auskunft über den Zustand des Vorverstärkers.

Die Musician LE wurde 1980 in Deutschland für einen Preis von 1398 DM angeboten. Ein Test findet sich in einer "Fachblatt"-Ausgabe aus dem gleichen Jahr.


5. Die großen Unbekannten

Es gibt immer wieder Instrumente, die abseits der Massenproduktion als Design-Studien oder Sondermodelle entstehen und sich häufig signifikant von den anderen Modellen abheben. In der Musician-Serie sind das die MC-3000 und die MC-5000.

Nach Aussage von Jim Donahue wurden bereits 1979 zwei MC-3000 und eine MC-5000 als Muster gebaut. 1980 gab es eine kleine Serie die aus 18 MC-5000DS und 4 MC-5000AV bestand. Zusätzlich wurden 30 Instrumente der MC-3000 produziert. Diese Modelle wurden dann als "Limited Edition" verkauft.

Bild 9: Limited Edition MC-3000DS

Hier fällt zunächst der Hals auf. Bestand er bei der MC-500 aus sieben Teilen, so kamen hier insgesamt elf Teile zur Anwendung! Als nächstes wird man sich über die drei Minischalter im oberen Horn wundern. Die Erklärung dafür ist einfach: Es handelte sich um drei ON/ON/ON-Schalter, die als Toggle-Switch zur Wahl des Tonabnehmers und Tri-Sound-Switches verwendet wurden (Seriell, Single-Coil, Parallel).

Die weitere Elektronik bestand aus

  • Einem Master-Volume und Master-Tone,
     
  • Boost-Volume,
     
  • 3-Band-Equalizer (Bass, Middle, Treble) und
     
  • einer Status-LED (EQ-On).

Der Equalizer konnte über einen weiteren Minischalter aktiviert werden. Schließlich konnte die gesamte aktive Elektronik mit Hilfe des letzten Minischalter komplett deaktivert werden. Das Instrument war dann vollständig passiv. Damit entsprach die Elektronik der Schaltung der MC-500 aus der 2. Epoche. Lediglich die Wahl für den Toggle-Switch und die Positionierung mutet etwas ungewöhnlich an.

Interessant ist hier das Vorhandensein zweier Buchsen: Eine in der Decke wie beiden Modellen der ersten Epoche und eine in der Zarge.


6. Die Stärken und Schwächen der Musician

Ein Instrument, das so konstruiert ist wie die Musician, darf man mit Fug und Recht als absolut hochwertig bezeichnen. Gleichwohl gab es auch hier ein paar Schwachstellen. Eine davon war die Positionierung der Anschlußbuchse.

Bei den Modellen aus der Epoche 1 wurde die Buchse ausnahmslos in der Decke montiert. Da die Musiker in der Regel gerade Klinkenstecker verwendeten, kam es häufig vor, daß die Buchse aus der Decke herausbrach. Das war sehr ärgerlich, da ein solcher Schaden nur schwer wieder "ungesehen" gemacht werden konnte. Man findet heute häufige bei Ebay Modelle aus dieser Zeit, die unter der Buchse eine große Metallscheibe sitzen haben. Die Wahrscheinlichkeit, daß das betreffende Instrument einen solchen Unfall erlitten hat, ist da also groß. Als Beispiel mag diese MC-400 gelten, die vom März 1979 stammt:

Bild 10: MC-400 der 1. Epoche mit reparierter Anschlußbuchse und anderen Tonabnehmern

Ab der Epoche 2 hat Ibanez damit begonnen, die Buchse teilweise in die Zarge zu verlegen. Der Wechsel ist zumindest bei der MC-300 zu beobachten, die es mit beiden Buchsenpositionen gab. Spätestens in der Epoche 3 gab es dann nur noch Instrumente, in denen die Buchse in die Zarge eingelassen war.

Ein weiterer Schwachpunkt, war der Klang des Halstonabnehmers. Wer die Musician hier mit einer "Les Paul" vergleicht, der wird feststellen, daß die gleiche "Fülle" niemals erreicht wird. Die Begründung dafür ist ganz einfach und nicht nur diesem Instrument anzulasten:

Jede Musician ist ein 24-Bünder. Konstruktionsbedingt ist es nicht möglich, den Halstonabnehmer an der gleichen relativen Position zu montieren, wie beispielsweise bei der "Les Paul", denn er müßte dann exakt unter dem 24. Bund sitzen. In der Konsequenz kann kein 24-Bünder an der Halsposition so klingen wie ein 22-Bünder. Folglicher- und fairerweise muß man hier also nicht von einem Schwachpunkt, sondern von einem Unterschied sprechen!

Zu den Stärken der Musician gehört neben der Klangvielfalt und der hochwertigen Verarbeitung auch ihr Gewicht. Man kann im Internet immer wieder lesen, daß eine Musician tonnenschwer...

Nun, das ist nur bedingt richtig. Da die Instrumente in verschiedenen Holzkombinationen angeboten wurden, müssen sich zwangsläufig auch unterschiedliche Gewichte ergeben. Ein MC-300DS bringt 3,9 bis 4kg auf die Waage. Instrumente mit einem hohen Anteil an Esche sind da deutlich gewichtiger. Esche hat eine Darrdichte von 720kg/m3, Bergahorn liegt bei 600kg/m3 und Mahagoni liegt zwischen 480 und 550kg/m3. Wer jetzt eine MC-300DS gewichtsmäßig mit der eschelastigen MC-300NT vergleicht oder gar eine MC-500 nimmt, der wird nun verstehen, woher das hohe Gewicht dieser Instrumente kommt. Legt man einfach mal das Dichteverhältnis von Mahagoni und Esche zugrunde, so dürfte eine MC-300, die mehrheitlich aus Esche statt Mahagoni besteht, rund 5,5kg wiegen! BluesBernd von "Musicians World" würden dazu nur sagen: "Das ist eben eine Männergitarre!"


7. Die Musician und die anderen

In den frühen 80er Jahren waren Gitarren wie die Musician mit durchgehendem Hals, Messingsteg und -reiter, Sustainblock und eventuell aktiver Elektronik, sehr begehrt. Mit dieser Serie hatte Ibanez ganz zweifelos einen Treffer gelandet. Diese Tatsache wird umso deutlicher, als das kurz darauf auch andere Hersteller auf diesen Zug aufsprangen und vergleichbare Instrumente in ihr Programm aufnahmen.

RS-Serie von Aria

Bild 11: Instrumente anderer Hersteller im Stil der Musician

Die Firma Arai ließ zum Beispiel in der legendären Matsumoku-Fabrik unter dem Label "Aria Pro II" die RS-Serie produzieren. Auch wenn man Korpus und Kopf gewissen Veränderungen unterworfen hatte, war die Verwandschaft zur Musician deutlich zu erkennen!

Es scheint fast Ironie des Schicksals zu sein, daß Ibanez nun seinerseits ein kleines Problem mit Kopien der eigenen Instrumente hatte. Bei Gibson ist man darob sicherlich nicht traurig gewesen. Allerdings hatte man hier mit der RD Artist auch einen Versuch in Sachen aktiver Elektronik unternommen.


8. Schwanengesang

Die 82er Modelle der Musician stellen gleichzeitig auch das Ende dieser Serie dar. Betrachtet man ihre Entwicklung im Laufe der Zeit, so ist festzustellen, daß sowohl die Modellvielfalt, als auch die Ausstattungsvariationen ständig abnahmen. Der Grund dafür ist einfach und leicht nachzuvollziehen. Die Produktion dieser aufwendigen Instrumente war einfach zu teuer!

Die Tatsache, daß es später auch Instrumente mit einer deckenden Lackierung gab, spricht hier eine deutliche Sprache, denn das ursprüngliche Natur-Finish erforderte die Auswahl von optisch einwandfreien Hölzern. Bei den farbigen Modellen der dritten und vierten Epoche brauchte man darauf keine Rücksicht zu nehmen, da eine eventuell unansehnliche Maserung ja unter der Lackierung verschwand. Aus klanglicher Sicht waren diese Instrumente allerdings keinesfalls schlechter!

Deckend lackierte Musicians scheint es, entgegen den Katalogen, auch schon vor der Epoche 3 gegeben zu haben. Mir ist zumindest eine MC-500 aus dem Jahre 1978 bekannt, ein originales schwarzes Finish besitzt.

Bild 12: Eine schwarze MC-500 aus dem Jahre 1978 (Ser.: K785007)

Trotz der Einsparungen ließ sich offensichtlich mit diesen Instrumenten kein ausreichender Gewinn mehr erzielen und so wurde die Serie nach 1982 nicht mehr produziert. Eine Ausnahme waren nur die verschiedenen Baß-Modelle, die noch bis 1986 angeboten wurden.

Das Ende der Musician kennzeichnet auch gleichzeitig das Ende einer Ära im Gitarrenbau. Hatte man sich bis dato auch mal die Zeit genommen, bestimmte Tätigkeiten manuell auszuführen, so ist den heutigen Modellen auf Schritt und Tritt die Rationalisierung anzusehen. Heute produzieren computergesteuerte Fräsen in einem Arbeitsgang gleich mehrere Bodies eines Instrumentes, die sich gleichen, wie ein Ei dem anderen.

CNC-Fräse bei Fuji Gen Gakki

Bild 13: Moderne CNC-Fräsen zur Herstellung des Korpus

Im Hinblick auf die Qualität der Produktion ist das in jedem Fall als Vorteil zu werten, nur leider bin ich mit dem optischen Ergebnis nicht so zufrieden. Die heutigen Instrument haben für mich persönlich fast immer den Charme einer Maschine. Kein Vergleich zu so einer alten Lady aus dem Jahre 1980 oder?

MC-300DS

Bild 14: Die MC-300DS des Autors aus dem Jahre 1980


9. Die Musician heute

Wem der Sinn nach einer Musician steht, der sollte sich schon einmal warm anziehen und das Sparschwein kräftig füttern, denn es gibt weltweit einen großen Kreis von Sammlern und Liebhabern der Artist und Musician, die genau über die Qualitäten dieser hervorragenden Instrumente informiert sind und den Markt ständig beobachten. Unter 450 kann man heute nur mit viel Glück eine Musician in gutem Zustand erwerben. Erst am 16. Januar 2007 wurde eine MC-350 aus der vierten Epoche für $2550 (1.935) verkauft!

MC-350NT

Bild 15: Diese MC-350NT aus dem Jahre 1982 wurde für $2550 verkauft!

Auch wenn dieser Preise selbst in Sammlerkreisen als mehr als überzogen bezeichnet wurde, zeigt er jedoch eines deutlich: Es gibt Menschen, die bereit sind, so viel Geld für eine Musician zu bezahlen!

Das es auch anders geht, zeigt das folgende Bild:

Was den "Täter" geritten hat, so mit einer Musician umzugehen, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Immerhin hat diese MC-200 oder MC-300 bei Ebay noch einen Preis von 151 erzielt.

Rechnet man die damaligen Kaufpreise der verschiedenen Musicians inflationsbereinigt auf heutige Verhältnisse hoch, so gelangt man zu einem potentiellen Neuwert. Mit seiner Hilfe kann man jedoch lediglich eine Aussage darüber erhalten, mit welchen "neuen" Instrumenten eine Musician aus preislicher Sicht eigentlich zu vergleichen ist.

Die Angabe des sogenannte "Gebrauchtpreises" ist eine diffizile Sache, denn er hängt stark vom Zustand des Instrumentes ab. Als "Hausnummer" kann man Werte zwischen 25% und 75% des potentiellen Neuwertes annehmen.

Modell Neupreis 1978 Potentieller Neuwert 2008
(inflationsbereinigt)
Gebrauchtpreis 2008 Ebay 2008
MC-100 895 DM 1255 EUR 314 - 941 EUR 411 Euro (33%)
MC-200 995 DM 1395 EUR 349 - 1046 EUR 478 Euro (34%)
MC-300 1095 DM 1535 EUR 384 - 1152 EUR 559 Euro (36%)
MC-400 1495 DM 2096 EUR 524 - 1572 EUR 462 Euro (22%!)
MC-500 1590 DM 2229 EUR 557 - 1672 EUR -

Tabelle 2: Potentieller Neuwert und Gebrauchtpreis der Musicians aus dem Jahre 1978

Wenn man sich einmal eine Weile bei Ebay auf die Lauer legt, wird man feststellen, daß die Musicians mit schöner Regelmäßigkeit den minimalen Gebrauchtpreis um mindestens 50 Euro überschreiten. Kommt jedoch noch die Leidenschaft eines Sammlers ins Spiel, sind die Preise nach oben hin quasi offen, wie das Beispiel der eingangs erwähnten MC-350 gut zeigt.

Wie auch immer man diese Preise bewertet, eines bleibt bestehen: Mit den Modellen der Musician-Serie wurden unter der Marke Ibanez für 6 Jahre höchstwertige Instrumente produziert, die sich vor einer Gibson oder Fender aus dieser Zeit keinesfalls verstecken müssen. Im Gegenteil! Man braucht sich nur die Frage stellen, was man 1980 für 1200DM von Gibson bekam...

Bei Ibanez gab es dafür die MC-300...

... und der Onkel hat eine!


10. Die Musician in Aktion

"Wie klingt denn nun eine Musician?" werden sich jetzt sicherlich viel fragen. Die Antwort ist gar nicht so einfach zu geben, denn aufgrund der verwendeten Elektronik zählen die meisten Musicians zu den sehr vielseitigen Gitarren.

In unserem gesegneten elektronischen Zeitalter ist es jedoch manchmal ganz leicht auch multimediale Inhalte im Internet zu finden. Voraussetzung ist natürlich ein schneller Internetzugang. Der folgenden Link verweist auf eine Seite, die 2 Youtube-Videos enthält. Hier wird eine MC-400 in Aktion vorgeführt.

Have fun!

Ulf

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